Projekttitel: Stuck und Fliesen. Techniken und ?sthetik des Baudekors im Iran (11.-14. Jahrhundert) aus arch?ometrischer und kunsthistorischer Sicht

Geldgeber: Deutsche Forschungsgemeinschaft – DFG

F?rderzeitraum: M?rz 2019 – Dezember 2024

Antragsteller: Prof. Dr. Lorenz Korn

Projektpartner: Art University of Isfahan, Iranian Cultural Heritage Handicrafts and Tourism Organization, Kompetenzzentrum Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien der Universi?t Bamberg

Projektmitarbeiter: Lorenz Korn (PI); Iman Aghajani; Ana Marija Grbanovic; Parviz Holakooei; Amir-Hossein Karimy, Moslem Mishmastnehi

Stuck und Fliesen. Techniken und ?sthetik des Baudekors im Iran (11.-14. Jh.) aus arch?ometrischer und kunsthistorischer Sicht

Thema

Techniken und ?sthetik des Baudekors im mittelalterlichen Iran sind seit langem ein wichtiges Thema in der Islamischen Kunstgeschichte. Das Forschungsprojekt verfolgt einen neuen systematischen Ansatz, um zentrale Fragen auf diesem Gebiet zu bearbeiten. Mit Methoden der Kunstgeschichte und der Arch?ometrie sollen Informationen zu einer gr??eren Anzahl von Baudenkm?lern gesammelt und ausgewertet werden. Im Blickfeld stehen Bauwerke, die im 11.-14. Jahrhundert (unter der Herrschaft der Seldschuken und der Ilchane) errichtet oder ausgeschmückt wurden. 

Stuck, Fliesen und Wandmalereien sind auf religi?sen und profanen Bauwerken gleicherma?en zu finden: Moscheen und Mausoleen, Pal?ste und Karawanserails sind damit dekoriert. Wenn auch die Ursprünge der Dynastien der Seldschuken und der Ilchane au?erhalb Irans lagen, so stützen sie ihre Herrschaft doch auf eine Infrastruktur, die im Iran – und damit in den islamischen Kulturen des Vorderen Orients – verwurzelt war. Kunst und materielle Kultur Irans in dieser Zeit entwickelten sich also aus einem gemeinsamen islamisch-iranischen Erbe. Unter beiden Dynastien konnten sich Kunst, Handwerk und Architektur reich entwickeln. Die mongolische Eroberung Irans, aus der die Ilchan-Herrschaft hervorging, wird oftmals als ein historischer Bruch dargestellt Jedoch fand die materielle Kultur des seldschukischen Iran ihre Fortsetzung unter den Ilchanen. Sie wurde nicht nur durch die Aktivit?ten der eingewanderten Herrscher gepr?gt, sondern ebenso durch einheimische Traditionen und durch die politischen Anliegen der lokalen iranischen Eliten.

Ziele des Forschungsprojekts

Das Hauptziel des Projekts besteht darin, die ?sthetik zu verstehen, die dem Baudekor der Seldschuken- und Ilchanzeit zugrunde lag. Vorausgesetzt wird, dass diese Oberfl?chendekorationen nicht nur einfach schmücken sollten, sondern klare Funktionen erfüllten, indem bestimmte Architekturelemente und Raumteile hervorgehoben wurden, um so beispielsweise die religi?se Bedeutung gebauter R?ume zu unterstreichen.

Eigenschaften von Funktion, Bedeutung, verfügbaren Materialien und künstlerischen Verfahren bestimmten die ?sthetik des Baudekors. Traditionen, in denen Künstler und Handwerker ausgebildet wurden, und ihre F?higkeiten zur Innovation, flossen in die Herstellung des Baudekors ein. Dabei stellen sich Fragen nach der Hierarchie zwischen verschiedenen Materialien und Medien, nach dem Verh?ltnis von ?sthetik, Funktion und der Rolle der Auftraggeber, vor allem aber nach den Methoden, mit denen die Dekorateure ihre Entwürfe gestalteten und ausführten.

Material, Methoden und Ergebnisse

Bauwerke in verschiedenen Regionen Irans wurden mit Blick auf Material und ?sthetik ihres überwiegend im Innern angebrachten Dekors untersucht. Die Feldforschung umfasste eine detaillierte Dokumentation und eingehende Untersuchung der historischen Kontexte in etwa einhundert Bauwerken und die Entnahme von Stuckproben aus etwa fünfzig Bauwerken, um Materialeigenschaften und Reste von Farbfassungen zu bestimmen. Die Ergebnisse arch?ometrischer Analysen werden mit Informationen aus schriftlichen Quellen und Inschriften zusammengebracht, um die ?sthetik des Dekors in einen historischen Kontext zu bringen. 

Auf diese Weise werden regionale Eigenheiten, Charakteristiken von Werkst?tten und deren m?gliche Wanderungen, sowie die Herkunft von Materialien beleuchtet. Schlie?lich soll es m?glich werden, Grundlagen für die Datierung undatierter Stuckarbeiten zu liefern. Auf dieser Grundlage werden Funktion, ?sthetik und Bedeutung der Ensembles aus Stuck, Fliesen und Wandmalerei diskutiert.

Aus der Fülle neuer Erkenntnisse k?nnen hier beispielhaft einzelne Elemente genannt werden:

  • Abgesehen vom Wandel der Einzelformen gegenüber der klassischen Abbasidenzeit ver?nderte sich im 11.-12. Jahrhundert auch das Gliederungssystem von Stuckdekor: Friese mit sich wiederholenden Motiven wurden unbedeutender, dagegen sind vermehrt Schriftb?nder mit verschiedenen epigraphischen Stilen (Kufi und Kursivschriften) zu sehen.
  • Die Einführung neuer Architekturformen in der Seldschukenzeit mit gro?en überkuppelten Innenr?umen brachte neue Anforderungen an den Baudekor mit sich. Das Zusammenspiel von plastischem Stuckdekor mit Backsteinmustern wurde koh?rent entworfen und detailliert ausgearbeitet. Dabei wurde farbige Fassung gezielt und sparsam angebracht.
  • Zu den technischen Innovationen, die sich w?hrend der Seldschuken- und Ilkhanzeit durchsetzten, geh?rt die Verwendung von ga?-i ku?ta, w?hrend des Abbindens stark durchgekneteter Gips, der sich für die Modellierung feiner Oberfl?chenstrukturen und als ?berzug eignet.
  • Inschriften im Stuckdekor wurden teilweise mit Schablonen vorbereitet, h?ufig jedoch auch unmittelbar auf der Stuckoberfl?che entworfen und vorgezeichnet. Dies kann aus Arbeitsspuren und anderen Merkmalen der Inschriften im Stuckdekor der Ilkhanzeit geschlossen werden. Damit wird die bisher herrschende Meinung revidiert, dass kalligraphierte Inschriften in jedem Fall auf Papierschablonen vorgezeichnet und dann auf den Stuck übertragen wurden.
  • Unter den Ilkhanen lassen sich Werkstatt-Zusammenh?nge zwischen verschiedenen Stuckdekor-Ensembles feststellen, die z. T. regional benachbart, teilweise aber auch weit entfernt voneinander lagen. Dem Gro?projekt des ?ljeitü-Mausoleums in Sultaniya kommt eine Schlüsselrolle in der Entwicklung neuer Dekorationsentwürfe und –techniken zu, die sich von hier verbreiteten. Ihre Nachfolge ist z. B. in mehreren reich dekorierten Bauten des 14. Jahrhunderts in der Stadt Yazd zu sehen.
  • Zwischen der Seldschuken- und der Ilkhanzeit findet kein Bruch in den Formen und Techniken des Stuckdekors statt. Belegt wird dies unter anderem durch die Neudatierung der Gro?en Moschee von Farumad anhand von Inschriften im Stuckdekor in die Mitte des 13. Jahrhunderts, deren Dekorformen jedoch eine starke ?bereinstimmung mit Stuckdekorationen des 12. Jahrhunderts aufweisen. An anderen Stellen zeigt der Stuckdekor der Ilkhanzeit eine Tendenz zu gesteigerter Plastizit?t, die sich u. a. in der Anwendung mehrerer Lagen von geschnittenem Stuckrelief und in der Verwendung von aufmontierten Elementen zeigt.
  • Bei den für die Farbfassung verwendeten Pigmenten zeichnet sich eine zunehmende ?konomisierung von Verfahren und Materialien ab. In Einzelf?llen k?nnen Schritte dieses Wandels eingegrenzt und datiert werden. So ist beispielsweise der weitgehende Verzicht auf Ultramarin (Lapislazuli) zugunsten von Azurit für intensive Blauf?rbung in die Zeit um 1300 zu datieren.

Ergebnisse der Forschung k?nnen für die Konservierung besch?digter oder gef?hrdeter Baudenkm?ler genutzt werden. Beispiele sind die Moscheen von Haftshuya, Gar und Afin oder das Karwanserail von Ribat-i Mahi. 

Mit der Forschung wird ein umfassenderes Verst?ndnis von Bauwerken des mittelalterlichen Iran m?glich. Der interdisziplin?re Ansatz verbindet Arch?ologie, Restaurierungswissenschaften und Kunstgeschichte. 

Publikationen

In Vorbereitung oder im Druck

Lorenz Korn, Ana Marija Grbanovic, Iman Aghajani and Moslem Mishmastnehi (eds.): Stucco in the Architecture of Iran and Neighbouring Lands: New Research – New Horizons. Proceedings of Conference held at the University of Bamberg, May 4-7, 2022, im Reviewing für die Publikation bei de Gruyter/Brill (Reihe: Art and Archaeology of the Islamic World).

In diesem Sammelwerk enthalten sind die folgenden sechs Beitr?ge von Mitgliedern des Projektteams: 

- Lorenz Korn: “Introduction: Stucco in Iran and Neighbouring Lands. Reviving faded colours through art history”
- Iman Aghajani: “From Tradition to Innovation: Iranian Stucco Decoration from the Early Islamic Period to the Saljuq Era”
- Iman Aghajani and Majid Montazer-Zohoori: “Archaeological Studies on Islamic Stucco Decorations in the Storage of the National Museum of Iran”
- Ana Marija Grbanovic: “Some Remarks Concerning Uljaytu’s Mausoleum at Sultaniyya and its Architectural Revetments”
- Parviz Holakooei: “Blue 'out of the blue': scientific studies on the blue pigments applied on Persian stucco”
- Moslem Mishmastnehi and Tomasz M. Stawski: “Crystals of Gypsum in the Hands of Masters: Interdisciplinary approach to understanding the Cha?ne opératoire of Seljuq and Ilkhanid Stuccoes”

Iman Aghajani: “Signaturen in der iranischen Architektur des 11. und 12. Jahrhunderts“, accepted for: Nikolaus Dietrich et al. (eds.): Tagungsakten Signaturentragende Artefakte. Schriften, Materialien, Praktiken im transkulturellen Vergleich, in the series Cultural Heritage: Materiality - Text - Edition (KEMTE), Heidelberg.

Iman Aghajani: “Reconsidering the so-called Madrasa-i Ni?āmīyya of ?argird: New Evidence of Iran's Earliest Ayvān-Mosques”, angenommen für: Sandra Aube und Martina Massullo (eds.): Proceedings of the Conference Through the Lens of Henry Viollet: Islamic Monuments through an Undisclosed Archival Material (1904-1913 CNRS und BULAC, Paris, June 23, 2022.

Iman Aghajani and Lorenz Korn: “Stucco of the Seljuq Period in Iran, with a Focus on Dado Zones and Mihrabs”, in: Richard P. McClary (ed.): Stucco in the Islamic World. Studies of Architectural Ornament from Spain to India (Edinburgh Studies in Islamic Art), Edinburgh: University Press, 2025.

Ana Marija Grbanovic: “Towards a Comprehension of Ilkhanid Stucco Style(s),” in: Richard P. McClary (ed.): Stucco in the Islamic World. Studies of Architectural Ornament from Spain to India (Edinburgh Studies in Islamic Art), Edinburgh: University Press, 2025.

Ana Marija Grbanovic: “The Sujas Friday Mosque Stuccos: Seljuk or Ilkhanid?” angenommen für: Robert Hillenbrand (ed.): Architecture of the Iranian World 1000-1250, Edinburgh: University Press.

Ana Marija Grbanovic: “Henry Viollet’s Photographic Documentation of Ilkhanid Stucco Revetments in Iran and its Significance for Art Historical Research,” angenommen für: Sandra Aube und Martina Massullo (eds.): Tagungsakten Through the Lens of Henry Viollet: Islamic Monuments through an Undisclosed Archival Material (1904-1913) CNRS und BULAC, Paris, June 23, 2022.

Ana Marija Grbanovic: “In Memoriam Hasankeyf: Some Remarks Regarding the Stuccos of Hasankeyf Monuments,” angenommen für: Proceedings of the 16th Annual Colloquium of the Ernst Herzfeld Society, University La Sapienza, Rome, July 1-3, 2021, ed. Michelina di Cesare.

Ana Marija Grbanovic: “A Little Known Ilkhanid Stucco Repertoire: the Mir Zabir Mausoleum near Sirjan,” angenommen für: Iran Journal of the British Institute for Persian Studies.

Parviz Holakooei, Amir-Hossein Karimy, Iman Aghajani and Lorenz Korn: “Further Light on the History of Masjed-e Jame? of Golpayegan based on the identification of colourants”, eingereicht für Journal of Archaeological Science.

Parviz Holakooei and Amir-Hossein Karimy: “Glaze composition in Persian architectural decoration from the 12th to the 14th century”, in Vobereitung für Archaeological and Anthropological Science.

Amir-Hossein Karimy: Masjed-e Jame? of Golpayegan: sixty years of conservation activities in the mirror of archival documents,  in Vorbereitung für Iran Journal of the British Institute for Persian Studies.

2025

Iman Aghajani: “The Friday Mosque of Faryūmad and Its Inscription: Evidence of Construction Activity during the Era of the Mongol Khans in Iran”, Iran: Journal of the British Institute of Persian Studies, 2025. Open Access. DOI: 10.1080/05786967.2025.2454707

Moslem Mishmastnehi, Tomasz M. Stawski, Negar Eftekhari, Kahthrin P. Schneider, Carmela Vaccaro, Iman Aghajani, Ana Marija Grbanovic and Lorenz Korn: Unveiling the Craftsmanship and Knowledge Behind Iranian Stuccoes (11th -14th centuries): New insights from an archaeometric perspective, Journal of Archaeological Science 177 (2025), 106199 Open Access: doi.org/10.1016/j.jas.2025.106199

2024

Parviz Holakooei and Amir-Hossein Karimy: Colourants on the Persian architectural decorations from the 11th to the 15th century, Archaeometry 66.3 (2024), pp. 600-617. doi.org/10.1111/arcm.12951

2023

Iman Aghajani, Maryam Moeini and Moslem Mishmastnehi: “Imāmzāda ?Abdallāh of Kūdzar, Iran: New Insights regarding its Architectural Revetments.”, in: Nicolò Marchetti et al. (eds.), Proceedings of the 12th International Congress on the Archaeology of the Ancient Near East, Vol. 2, Field Reports, Islamic Archaeology, Wiesbaden: Harrassowitz, 2023, pp. 819-835. Open Access: DOI:10.13173/9783447119030.819

Ana Marija Grbanovic: “Between Tradition and Innovation: The Art of Ilkhanid Stucco Revetments in Iran,” ín: Nicolò Marchetti et al. (eds.): Proceedings of the 12th International Congress on the Archaeology of the Ancient Near East, Vol. 2, Field Reports, Islamic Archaeology, Wiesbaden: Harrassowitz, 2023, Wiesbaden: Harrassowitz, 2023, pp. 763-778. Open Access: DOI: 10.13173/9783447119030.763.

Ana Marija Grbanovic: “Carved Letters, Designs and Ornaments: Ilkhanid Stuccos and the ?Signatures‘ of their Craftsmen,” in: Andrew Peacock et al. (eds.): Inscriptions of the Medieval Islamic World, Edinburgh: University Press, 2023, pp. 642-670.

Ana Marija Grbanovic: “The ?ljeitü Mihrab (1310; Isfahan): the Ilkhanid Stucco Chef-d’?uvre Re-Examined,” in: Markus Ritter and Nourane Ben Azzouna (eds.): Beitr?ge zur Islamischen Kunst und Arch?ologie 8, Wiesbaden: Reichert Verlag, 2023, pp. 177-196. DOI: 10.29091/9783752002355; ISSN: 1866-8550

Ana Marija Grbanovic: “Lost and Found: the Tiles of the Pir-i Bakran Mausoleum (1299-1313, Linjan, Isfahan),” Iran. Journal of the British Institute of Persian Studies 61.2 (2023; online publ. 05/2021), pp. 235-254. DOI: 10.1080/05786967.2021.1927141

Ana Marija Grbanovic: “Ilkhanid Stucco Revetments in Iran, c. 1256-1335. Function, Meaning and Aesthetic Principles,” (c. 1500 pages), PhD dissertation (University of Bamberg 2022). published Open Access: Bamberg, University of Bamberg Press, 2023: https://fis.uni-bamberg.de/handle/uniba/90074 DOI: 10.20378/irb-90074.

Moslem Mishmastnehi, Alexander E. S. Van Driessche, Glen J. Smales, Alicia Moya, Tomasz M. Stawski: “Advanced Materials Engineering in Historical Gypsum Plaster Formulations”, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 120 (2023), e2208836120. Open Access: doi.org/10.1073/pnas.2208836120

2022

Richard McClary and Ana Marija Grbanovic: “On the Origins of the Shrine of ‘Abd al-Samad in Natanz: The Case for a Revised Chronology,” Journal of the Royal Asiatic Society 32 (2022), pp. 501-534. Open Access:DOI: https://doi.org/10.1017/S1356186321000730